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Wechselmodell oder fester Lebensmittelpunkt?

Was eine Studie über das Wohlbefinden von Trennungskindern zeigt.

Ein Kind hält die Hände zweier erwachsener Bezugspersonen

Jedes zweite Wochenende beim anderen Elternteil, die Ferien teilen oder doch ungefähr die Hälfte der Zeit bei Mama und Papa verbringen? Nach einer Trennung stehen Eltern oft vor einer schwierigen Frage: Welches Betreuungsmodell ist für das gemeinsame Kind am besten?

Eine Untersuchung der Universität Duisburg-Essen zeigt: Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Entscheidend ist offenbar weniger, ob ein Kind exakt 50:50 bei beiden Eltern lebt, sondern wie gut die Beziehungen funktionieren und wie sehr die Bedürfnisse des Kindes berücksichtigt werden.

Zwei Zuhause oder ein fester Lebensmittelpunkt?

Beim sogenannten Residenzmodell lebt das Kind überwiegend bei einem Elternteil. Der andere Elternteil hat regelmäßige Umgangszeiten, beispielsweise jedes zweite Wochenende und einen Teil der Ferien. Beim Wechselmodell verbringt das Kind dagegen einen erheblichen Teil seiner Zeit in beiden Haushalten. Häufig wird dabei an eine möglichst gleichmäßige Aufteilung von 50:50 gedacht.

Für das Forschungsprojekt „Familienmodelle in Deutschland“, kurz FAMOD, wurden 1.233 Trennungsfamilien befragt, die entweder ein Residenzmodell oder ein Wechselmodell praktizierten. Die Forschenden kamen zu dem Ergebnis, dass es Kindern im Wechselmodell mindestens ebenso gut und teilweise etwas besser gehen kann als Kindern, die hauptsächlich bei einem Elternteil leben. Besonders deutlich zeigte sich das bei Kindern zwischen sieben und 14 Jahren.

50:50 ist nicht automatisch die beste Lösung

Überraschend ist ein weiteres Ergebnis: Das exakt hälftige Wechselmodell schnitt nicht unbedingt am besten ab. Besonders positive Ergebnisse fanden die Forschenden beim sogenannten asymmetrischen Wechselmodell. Dabei verbringt das Kind bei jedem Elternteil mindestens rund 30 Prozent seiner Zeit, aber nicht zwingend exakt die Hälfte.

Ein Beispiel könnte also sein: Das Kind lebt überwiegend bei einem Elternteil, verbringt aber deutlich mehr Zeit beim anderen als nur jedes zweite Wochenende. Die Ergebnisse sprechen deshalb gegen die Vorstellung, dass gute gemeinsame Betreuung immer auf die Stunde genau 50 zu 50 aufgeteilt werden müsste.

Nicht das Betreuungsmodell allein entscheidet. Entscheidend ist, wie die Erwachsenen es leben.

Viel wichtiger als der Kalender: die Beziehung

Eine der wichtigsten Aussagen der Studie betrifft etwas, das sich mit keinem Taschenrechner ausrechnen lässt: die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Haben Kinder zu beiden Elternteilen eine gute und verlässliche Beziehung, kann sich eine intensive Betreuung durch beide Eltern positiv auswirken.

Sind Mutter und Vater dagegen dauerhaft zerstritten, wird das Wechselmodell schwieriger. Besonders problematisch wird es, wenn Kinder zwischen die Fronten geraten, Botschaften überbringen sollen oder das Gefühl bekommen, sich für einen Elternteil entscheiden zu müssen. Die Studie weist darauf hin, dass Streit zwischen den Eltern und Loyalitätskonflikte Kinder besonders belasten können.

Ein Kind ist kein Wochenplan

Gerade nach einer Trennung besteht schnell die Gefahr, dass Erwachsene über Tage, Wochenenden und Ferien diskutieren und dabei vergessen, um wen es eigentlich geht. Ein Kind ist keine Tabelle, die möglichst gerecht zwischen zwei Erwachsenen aufgeteilt werden muss.

Das Bedürfnis eines Kindes kann sich außerdem verändern. Ein siebenjähriges Kind braucht möglicherweise eine andere Regelung als ein 15-jähriger Jugendlicher. Schule, Freunde, Geschwister, Hobbys, Fahrtwege und das Verhältnis zu beiden Eltern spielen ebenfalls eine Rolle. Deshalb sollte auch eine einmal vereinbarte Regelung nicht für alle Zeiten in Stein gemeißelt sein.

Das Wechselmodell ist kein Patentrezept

Auch die Forschenden warnen davor, aus den Ergebnissen eine allgemeine Regel abzuleiten. Das Wechselmodell kann mindestens ebenso gut funktionieren wie das Residenzmodell, ist aber nicht automatisch für jede Familie die beste Lösung. Entscheidend ist unter anderem, ob Eltern ihre Konflikte von den Kindern fernhalten und sich über die Betreuung verständigen können.

Was Eltern sich fragen sollten

  • Fühlt sich unser Kind bei beiden Eltern sicher und geborgen?
  • Können wir miteinander reden, ohne das Kind in unsere Konflikte hineinzuziehen?
  • Sind Schule, Freunde und Freizeit trotz der Regelung gut erreichbar?
  • Fühlt sich unser Kind in beiden Wohnungen zuhause?
  • Darf es offen sagen, wenn eine Regelung nicht mehr funktioniert?
  • Haben beide Eltern echtes Interesse am Alltag des Kindes und nicht nur an „ihrer Zeit“?

Elternschaft besteht schließlich nicht nur aus Wochenendausflügen. Dazu gehören auch Hausaufgaben, Arzttermine, Elternabende, schlechte Laune, vergessene Sportsachen und morgens um sieben die Frage, wo schon wieder der zweite Turnschuh geblieben ist.

Fazit von ElternKompakt

Nach einer Trennung wünschen sich viele Eltern die eine richtige Lösung. Diese eine Lösung gibt es wahrscheinlich nicht. Für manche Kinder bedeutet ein fester Lebensmittelpunkt Sicherheit und Ruhe. Andere profitieren davon, weiterhin einen großen Teil ihres Alltags mit beiden Elternteilen verbringen zu können.

Die FAMOD-Studie macht aber eines deutlich: Kinder brauchen nicht in erster Linie ein perfektes Betreuungsmodell. Sie brauchen verlässliche Erwachsene. Wenn Mutter und Vater trotz der Trennung Eltern bleiben können, Konflikte nicht über das Kind austragen und zuhören, wenn ihr Kind eigene Wünsche äußert, ist bereits sehr viel gewonnen.

Nicht: „Wie teilen wir unser Kind gerecht auf?“ Sondern: „Welche Lösung gibt unserem Kind Sicherheit, Nähe und einen Alltag, in dem es sich wohlfühlen kann?“

Wichtig: Die hier beschriebene FAMOD-Studie wurde 2021 veröffentlicht. Der Beitrag ordnet ihre Ergebnisse für Eltern ein und stellt keine individuelle familienrechtliche oder psychologische Beratung dar.

Quelle: Universität Duisburg-Essen / Informationsdienst Wissenschaft: „Studie zu Trennungskindern: Lieber bei Mama, bei Papa oder bei beiden?“, veröffentlicht am 17. Mai 2021. Zur Studienmeldung.